Das ist ...

9. November 2020

Capoeira

Es ist nur eine Einführung, aber ich habe Angst, dass das eine schwierige Lektion werden könnte.
Denn der brasilianische Tanzkampf Capoeira vereint drei Felder, in denen ich Schwächen habe und vor denen ich mich fürchte: Akrobatik und eben, Tanz und Kampf.

Werde ich mich als Tanzbär blamieren? Kann ein Schwächling diese wilde Akrobatik überhaupt überleben? Und habe ich nicht schon längst verloren, unbeweglich bis stur und seit 20 Jahren keinen Purzelbaum mehr geschlagen? Um meine Ängste zu überwinden, will ich ihnen ins Auge schauen. Am besten geht das im Spiel – und in Gesellschaft, also hinein in die Roda, wie man den Kreis von Kämpfern nennt.

Die Musik hilft auch. Es gibt keine Roda ohne Musik! Berimabu heisst das Instrument, das zum Capoeira gehört. Ein Holzstab mit Saite und Kalabasse als Klangkörper. Dazu klopft einer die grosse Atabaque und jemand anders schellt mit dem Pandeiro, der Handtrommel. Die brasilianischen Rhythmen geben schon beim Einwärmen den Takt vor. Lateinamerikanische Lebensfreude zerschlägt die Hemmungen, wir tauchen ein.

Der Instruktor heisst Christof. Ausser ihm bin ich der einzige Mann, aber das mag ich, die Situation in Unterzahl bin ich von daheim gewohnt. Es sei nicht immer so einseitig, versichert mir Christof. Beim Warmup laufen wir im Kreis, seitwärts, rückwärts, vorwärts. Immer mit der Leichtigkeit des Tänzers und der Haltung des Kämpfers. Und dann wird gedehnt. «Bei dieser Übung sterben die Leute massenhaft!», sagt der Instruktor. Zum Glück hat auch Christof Sinn für Humor. Und ein Sensorium für meine Bedenken, die sich beim Dehnen auflösen.

Christof kam im Gymnasium in Biel zum Capoeira, als er fasziniert einer Truppe zuschaute. Ein Mestre (Meister), kräftig und athletisch, spielte in der Roda alle an die Wand. Capoeira ist in Gruppen organisiert, dort erkämpft man sich über die Jahre Gurt um Gurt, wie beim Karate. Christof trägt nach 16 Jahren Herzblut die gelb-blaue Kordel des Instruktors.

Einige sind wie ich zum ersten Mal da. Wir fangen bei den Basics an – die Grundschritte sind nicht so schwer, nach ein paar Wiederholungen gehen sie schon ins Blut über. Hei, wie im Tanzkurs: Ginga, Balanço, Deslocamentos, Ginga, Balanço, Deslocamentos, etc. Hui, dann eine Ginga espelhada, gespiegelt, und die Ginga defasada, versetzt.
Die Koordination ist schon anspruchsvoll, und ich gerate bei diesen Schrittfolgen ins Schwitzen. Nur nichts anmerken lassen: lächeln. Nun eine Ginga mit deslocamentos, gespiegelt und versetzt. Immer in Bewegung bleiben, sich nicht abhängen lassen. Und die Deckung oben halten! Wenn das Bein hinten links ist, halte ich die Deckung mit der Hand oben rechts, natürlich, ähnlich wie beim Laufen und nicht umgekehrt.

Capoeira ist kein Einzelsport. Man tanzt in der Gruppe, übt mit einer Partnerin, wir machen Zweierteams. Wer greift an? Wer wehrt ab? Du musst immer gewappnet sein, wenn dein Visavis etwas ausheckt. Auf jeden Angriff gilt es zu reagieren. Manche Ataques sind nur eine Finta. Und jemand führt, wie beim Tanzen. Abwechslungsweise, seitenverkehrt. Einmal hin, einmal her. Man muss wach sein, das Visavis im Auge behalten, darf keine Sekunde schlafen. Denn die Malicia, diese verschlagene List, die Schlange, die mich fangen will, sie ist die Seele des Capoeira. Weitere Schlüsselbegriffe: Mandinga! Wenn einer trickst. Und Axé nennt man die Lebensfreude, die mit der Übung automatisch kommt. 

Wegen der Coronasituation halten wir zusätzliche Abstände ein. Was nicht einfach ist, denn im Capoeira kommt man sich normalerweise schon nahe. Andererseits ist es nun eine gute Übung, sich eben nicht zu treffen. Ich stelle mir vor, wenn ein Kick trifft, dann tut das weh. Das ist nicht der Sinn des Spiels.
Verletzbar, verwundbar bleiben. Nicht die Füsse ins Gesicht kriegen, in diesen Zeiten schon gar nicht. Das Timing muss stimmen.

Capoeira ist ein Theater, ein Wettbewerb, den man nicht allzu ernst nehmen muss. «Was nicht mit Muskelkraft gelöst werden kann, erreicht man mit Intelligenz und Humor», erklärt Christof. Ein Teil der Geschichte ist verbunden mit dem Leid der afrobrasilianischen Bevölkerung während der Sklaverei. Die Unterdrückten lernten sich zu wehren, obwohl ihre Hände gefesselt waren. Sie kämpften mit den Füssen, Beinen und Hüften. Und mit Kampfgeist! In einigen Choreographien sieht man das noch. Aber das ist für Fortgeschrittene. Armada und Martelo - der Hammer - heissen berüchtigte Angriffsschläge.

Nun wird mein Gleichgewicht herausgefordert, die Übungen werden etwas schwieriger. Meia Lua de Compasso: Ein runder Beinschlag, die Hände sind am Boden. Die passende Abwehr dazu, la Defesa, ist die Rolé: auf allen Vieren, der Blick unter den Beinen durch, mit den Händen am Boden. Und immer schön im Rhythmus bleiben. Mir wird schon etwas Sturm im Kopf. Wo ist unten, wo ist oben?

Zum Schluss, in der Roda, kriegen wir einen Vorgeschmack, was möglich ist.

Während die Gruppe im grosszügigen Kreis steht – stets mit dem gebotenen Abstand -, den anderen zuschaut und klatscht, fordern sich immer zwei heraus und betreten die Roda mit einem Überschlag oder wer kann, macht Aù, das Rad.
Christof zeigt einen Schraubenzieher, Pi
ão de mão, eine Drehung auf der Hand. Zwei treffen sich, sie tanzen eine Weile, necken und jagen sich, ohne sich zu nahe zu kommen, ohne sich zu schlagen.

Es wird viel gelacht und man kann sich einmischen. Wer sich traut, ein Spiel zu kaufen, springt in den Kreis und macht mit. Ja. So einfach ist es, sich von seinen Ängsten zu befreien.
 

Claudio Zemp

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