Sport & Psychologie: Von Schwachstellenschnüfflern und Strahlern

22. März 2021

Was treibt uns an zu tun, was wir tun oder spezifischer: Was motiviert uns, Sport zu treiben? Sind wir diszipliniert genug, unser Training einfach durchzuziehen oder was braucht es, um unsere Ziele zu erreichen? Und was hat Selbstvertrauen mit all dem zu tun? Jörg Wetzel, Fachpsychologe für Sportpsychologie FSP und eidgenössisch diplomierter Sportlehrer, sprach am 16. März im Rahmen der ASVZ Vortragsreihe über die Macht der Gedanken und wie wir sie nutzen können, um zur Höchstform aufzulaufen.

Das Leben findet im Kopf statt. Vieles ist Einstellungssache. Gedankliche Einstellungen kriegen wir aber nicht geschenkt, sie bedürfen regelmässigen Trainings. Denn: Wo die Kontrolle über Bereiche wie Ernährung oder Schlafrhythmus einfacher steuerbar scheint, sind unsere Gedanken um einiges schwieriger zu lenken. Sie sind nämlich frei und benehmen sich entsprechend. So kann Gedankenkontrolle in zweifacher Hinsicht mit Sport verglichen werden. Zum einen ist mentale Stärke ohne Training schwierig zu erreichen. Zum anderen ist sie ebenso wichtiger Bestandteil des Sports wie Konditions- oder Krafttraining.

In dem einstündigen Vortrag, der aufgrund der Pandemie erstmals online durchgeführt wurde, zeigte uns Jörg Wetzel erst einmal, dass wir uns aus ganz unterschiedlichen Gründen dem Sport widmen. Mal tun wir es, weil wir gesund bleiben wollen, mal, weil wir etwas leichter werden möchten, wir endlich den Halbmarathon durchstehen wollen oder weil es uns einfach Spass macht. Ebenso unterschiedlich wie die Gründe zu trainieren, sind die Wege, uns dazu zu motivieren. Diese sind nicht immer geschmeidig, manchmal gar holprig. Letzteres dann, wenn uns der alt bekannte innere Schweinehund behindert. Wenn wir einfach aus Freude am Sport trainieren, ist dieser vermutlich kleiner, als wenn wir nach längerer Pause erst einmal wieder den Einstieg in Bewegungsrituale finden müssen.

Dieser Schweinehund. Ihn gilt es also zu überwinden - doch wie? Durch Tipps und Tricks, wie sie Jörg Wetzel in seinem Buch GOLD – Mental stark zur Bestleistung detailliert ausführt und uns an diesem Abend in Kurzform erläutert: Wir setzen uns beispielsweise Ziele, verabreden uns in Gruppen, schreiben Trainingstagebuch, machen uns Pläne, versuchen, Unvorhergesehenes zu antizipieren, damit wir ja umsetzen, was wir uns vorgenommen haben. So weit, so gut. Aber was tun, wenn wir auf dem Weg einbrechen, die Motivation verlieren oder Misserfolge den Kopf beeinflussen? In solchen Momenten kommt die mentale Stärke zum Tragen. Und sie muss stark sein, denn sie muss uns auffangen, wenn wir schwach werden.

Mentale Stärke ist, so der Referent und selbst sechsfacher Schweizer Meister im militärischen Fünfkampf, lern- und trainierbar. Das sind die guten Neuigkeiten. Aber: Mentale Trainingseinheiten müssen für einen positiven Effekt fix in den Trainingsplan eingebaut und regelmässig trainiert werden, damit ein «habituelles Verhaltenssystem»[1] entsteht. Also braucht es auch für das Erreichen mentaler Stärke Disziplin. Haben wir die Kontrolle über unsere Gedanken aber erlangt, stärkt dies unser Selbstvertrauen und lässt uns von Schwachstellenschnüfflern zu Strahlern werden, die sich durch Unvorhergesehenes nicht beirren lassen und an sich und ihre Fähigkeiten glauben.

Selbstvertrauen bestärkt uns nicht nur in unserem Tun, es wirkt sich auch auf unsere Gelassenheit aus, die wiederum für die Erholung von Geist und Körper notwendig ist. Und Erholung bestimmt neben der Macht der Gedanken über Erfolg und Misserfolg – nicht nur im Sport. Und auch in Gelassenheit steckt noch mehr. So hat Gelassenheit mit loslassen zu tun, loslassen von negativen Gedanken bis hin zur totalen Gedankenleere, die Bestleistung erzeugen kann. Kommen wir dort an, sind wir fast schon auf dem Weg zum Zen, dessen Ziel ist, im gegenwärtigen Augenblick präsent zu sein. Eugen Herriegel beschrieb dies in seinem Werk ZEN in der Kunst des Bogenschiessens so: «Die Vollendung besteht darin, dass kein Gedanke mehr an Ich und Du das Herz bekümmert. Alles also ist Leere. Ja, sogar die Leere ist nicht mehr da. Aus solcher absoluten Leere entspringt die wunderbare Entfaltung des Tuns.»[2]

Mentale Stärke, Selbstvertrauen, Gelassenheit – diese Begriffe sind miteinander verknüpft. Trainieren wir mentale Stärke, wirkt sich das positiv auf unser Selbstvertrauen und unsere Gelassenheit aus und das ist ein Trainingsziel, das es für das eigene Wohlbefinden zu verfolgen lohnt.

Die Präsentation zum Vortrag wird auf Anfrage ausgehändigt.

 

[1] Wetzel, J., GOLD – Mental stark zur Bestleistung, 2010, S. 42

[2] Herriegel, E., ZEN in der Kunst des Bogenschiessens, 1948. – Das Zitat enthält Auslassungen (Anm. der Verfasserin).

Projektleiterin Kommunikation

Simone Eder
Projektleiterin Kommunikation

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