Das ist ...

10. Januar 2022

Bogensport

«Weisch, was ist meine Lieblingswaffe?», fragt das Kind seinen Papa, es ist 9 Jahre alt. Und nennt sogleich den Pfeilbogen, unter allen Waffen der Welt, bevor ich etwas sagen kann.
«Weisch au, warum?»
«Nein, aber sag es mir.»
«Weil das keinen Lärm macht, und im Wald kein Tier aufschreckt.»

Die kindliche Magie trifft ins Schwarze. Aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn die einfachsten Dinge sind auch oft die schwierigsten. Und Bogensport ist mit der Jagd verbunden, womit wir bei uralten Mythen sind. Drei Punkte hat der Gürtel des Orion; der Himmelsjäger ist das einzige Sternbild am Winterhimmel, das ich auf Anhieb erkenne.
 
Und der Bogen des Odysseus natürlich, mit dem nur er allein schiessen konnte. Als Odysseus nach seinen Irrfahrten allein als Bettler verkleidet nach Hause zurückgekehrt war, under cover, da erkannte ihn seine Frau Penelope daran, wie er ihrem Sohn Telemachos half, den Bogen zu spannen.
Es gibt eine weitere Legende, die Odysseus’ Meisterschaft als Bogenschütze demonstriert, die mir die ASVZ-Trainerin Kim Bauer erzählt:

«Der Pfeil flog durch die Schaftlöcher von zwölf in einer Reihe aufgestellten Äxten, ohne das Metall zu berühren. Dies war nur Odysseus möglich, weil Bogen und Pfeile perfekt auf ihn abgestimmt waren. Der Pfeil macht in der Luft eine Schlangenbewegung. Die Äxte waren genau in den Kreuzungspunkten dieser Schlangenlinie aufgestellt. Schoss ein anderer Schütze mit Odysseus’ Bogen, stimmte die Schlangenlinie nicht mehr und der Pfeil traf das Metall.»

Aber von vorne: Wer mit Pfeil und Bogen schiessen will, braucht zuerst den Fokus. Dann gilt es einen Einführungskurs zu bestehen, der sechs Doppellektionen umfasst. Nach Kursabschluss gibt es eine Bestätigung, die zur Teilnahme am Training berechtigt. Voraussetzung für die Trainingsteilnahme ist, dass die Bogenschützen die verschiedenen Grundtechniken des Bogenschiessens beherrschen und die Sicherheitsvorschriften kennen. Schnuppern ist in entsprechend ausgeschriebenen Kursen möglich; alles Material wird im Sportzentrum Fluntern zur Verfügung gestellt. Die Kleidung ist egal. Einzig das Oberteil sollte nicht zu weit sein.  

Kim Bauer gibt mir einen Crashkurs. Sie zeigt mir Schritt für Schritt den Umgang mit Pfeil und Bogen. Wir fassen im Materialraum einen Bogen und drei Pfeile mit Köcher. Kim zeigt mir, wie man den Bogen spannt und erzählt dabei, wie sie zum Bogensport kam. Über den ASVZ, im Studium, wo sie einen Ausgleich suchte und ihn beim Bogenschiessen fand. Die Freude ist Voraussetzung Nummer eins.

In der Freizeit geht Kim ab und zu mit Freunden ins Gelände, mit Pfeil und Bogen. Es gibt speziell ausgesteckte Parcours mit Gummitieren, damit kein lebendes Tier zu Schaden kommt. Was beweist: Der Schiesssport hat natürlich auch eine soziale Komponente. Im Kern ist aber jeder allein, vor der Scheibe, voll fokussiert.

Atmen, Gleichgewicht, Spannung: Es hat viel Zen im Bogenschiessen, wie wir seit Eugen Herrigel wissen. Der Weg ist das Ziel, wobei wir uns alle nebeneinander auf der Schiesslinie aufstellen. Wir zielen in die gleiche Richtung. Die Zielscheiben der routinierten Schützen neben mir sind 30 Meter entfernt, meine Distanz ist nur etwa 10 Meter. So habe ich von Anfang an Erfolgserlebnisse. Als unerfahrener Novize würde ich niemals die 30 Meter erreichen, keine Chance.

Überraschenderweise kann ich hier brauchen, was ich als Teenie im Jungschützenkurs gelernt habe, mit dem Sturmgewehr, nämlich das Zielen: Ruhig bleiben, visieren, alles Störende ausblenden, und dann – im richtigen Moment – loslassen.

 Als blutiger Anfänger sind noch zwei Dinge vor dem ersten Schuss zu bestimmen, wozu es Tests gibt: Mit welchem Auge man zielt und mit welcher Hand man zieht. Bei mir ist der linke Fuss vorne und mein Zielauge ist das rechte. Nun stehe ich quer auf der Schiesslinie, wie im Aikido, halte einen Rechtshandbogen. Dieser liegt in der linken Hand, während ich mit der rechten Hand ziehe. Die Sehne ziehe ich mit drei Fingern, sie liegt im ersten Gelenk der Finger, so wie man einen Eimer voll Wasser trägt. Kim gibt mir Tipps, korrigiert meine Haltung, ich soll mit den Schultern ziehen: «Welche Muskeln spürst du?» Tatsächlich melden sich bisher wenig bekannte Rückenmuskeln.

Und dann muss man eben die drei Punkte des Orion auf die Reihe kriegen:
Das Ziel im Blick, den Pfeil zum Auge ziehen, loslassen – und den nächsten Pfeil nehmen.  

Es wäre also ein Fehlschluss, das Bogenschiessen als Kinderspiel zu bezeichnen. Wahr ist dagegen, dass Pfeil und Bogen eine Waffe sind. Mit diesem Sportgerät könnte man ein Tier töten. Darum gibt es im gesamten Bogensport ritualisierte Regeln. Eine Sicherheitsvorschrift lautet etwa, dass alle gleichzeitig auf die Linie stehen und auf das Kommando warten.
Nach jeder Passe wird still gewartet. Erst wenn der letzte Schütze seinen letzten Pfeil geschossen hat, schreitet die Gruppe gemeinsam zu den Zielscheiben, um die Pfeile hinauszuziehen.

«Beim Herausziehen der Pfeile passieren übrigens die meisten Unfälle», sagt Kim, mit feinem Understatement, aber ernst. Denn es ist so: «Die Pfeile stecken ungefähr auf Augenhöhe. Sie können beim Herausziehen hinter der Scheibe stehende Schützen verletzen, die schauen, was sie getroffen haben.» Auch hier ist mit Feingefühl auf die Details zu achten, damit das Material keinen Schaden nimmt und kein Pfeil sich verbiegt: «Halte eine Handfläche auf die Scheibe, zwei Finger um den Pfeil herum und ziehe ihn mit der anderen Hand nahe an der Scheibe gerade hinaus.»

So einfach ist das.

Claudio Zemp, ASVZ-Journalist

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